Mehr als nur Essen: Warum die Essatmosphäre in Kliniken therapeutisch wirkt

angenehme Essatmosphäre in einer Klinik

Eine Reflexion über einen unterschätzten Aspekt psychiatrischer Versorgung


Ausgangspunkt: Eine alltägliche Szene

Stellen Sie sich einen typischen Speiseraum in einer psychiatrischen Klinik vor: funktional eingerichtet, zweckmässig ausgeleuchtet, Menschen essen schweigend nebeneinander her. Manche ziehen sich lieber in ihr Zimmer zurück. Das Essen wird konsumiert, nicht zelebriert. Was auf den ersten Blick nach einer marginalen Randnotiz des Klinikalltags aussieht, könnte tatsächlich ein unterschätzter therapeutischer Hebel sein.

Im Rahmen meiner aktuellen Weiterbildung bin ich der Frage nachgegangen, welche aktuellen Erkenntnisse zu soziokulturellen und ernährungsbezogenen Einflussfaktoren für die Entwicklung eines evidenzbasierten Verpflegungskonzepts in psychiatrischen Kliniken herangezogen werden können. Dabei zeigte sich: Ernährung ist weit mehr als Nährstoffzufuhr. Sie ist auch – und vielleicht gerade in der Psychiatrie – ein sozialer Akt mit therapeutischem Potenzial.

Was die Forschung zeigt

Die wissenschaftliche Evidenz zur Rolle der Essatmosphäre in klinischen Settings ist erstaunlich dünn, aber dort, wo sie existiert, deutet sie in eine klare Richtung: Die physische und soziale Gestaltung von Mahlzeiten beeinflusst nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern auch das psychische Wohlbefinden.

Eine australische Übersichtsarbeit von McLaren-Hedwards et al. (2022) untersuchte systematisch, welche Effekte gemeinschaftliches Essen und gezielte Massnahmen zur Aufwertung des Speiseraums auf ernährungsbezogene, klinische und funktionale Parameter haben können. Die Evidenzlage ist zwar begrenzt, doch die vorliegenden Studien weisen auf positive Effekte hin – insbesondere auf die Lebensqualität.

Konkret umfassten erfolgreiche Interventionen:

  • ästhetische Aufwertung des Raums (Beleuchtung, Dekoration, Bilder, Aquarien)
  • runde Tische mit reduzierter Platzzahl statt langer Kantinen-Tafeln
  • Hintergrundmusik und sensorische Reize wie frisch gebackenes Brot
  • aktive Beteiligung des Personals am Tisch – inklusive Gesprächen

Diese Massnahmen schufen eine Atmosphäre, die an familiäre Mahlzeiten erinnert. Sie erzeugten nicht einfach nur „Stimmung“, sondern veränderten die soziale Qualität der Situation: Essen wurde wieder zu einem Akt der Gemeinschaft, nicht bloss der Versorgung.

Warum bleibt die Praxis oft dahinter zurück?

Trotz dieser Erkenntnisse zeigt sich in der Realität ein anderes Bild. Eine qualitative Studie von Flint et al. (2021) beschreibt das Essverhalten auf psychiatrischen Stationen als weitgehend zurückgezogen und still. Obwohl die Mehrheit der Patientinnen und Patienten ihre Mahlzeiten im Gemeinschaftsraum einnahm, herrschte dort eine wenig kommunikative Stimmung. Einige zogen es vor, allein in ihren Zimmern zu essen.

Was sind die Gründe?

Zum einen fehlt oft die bewusste Gestaltung der Essenssituation. Speiseräume werden primär funktional gedacht: schnell, effizient, hygienisch. Ästhetik, Atmosphäre und soziale Dynamik bleiben nachgelagert – wenn sie überhaupt berücksichtigt werden.

Zum anderen mangelt es an personellen Ressourcen. Wenn Pflegekräfte oder therapeutisches Personal nicht aktiv am Tisch teilnehmen können, fehlt eine entscheidende soziale Komponente. Essen bleibt dann Nahrungsaufnahme, nicht Begegnung.

Und schliesslich: Viele Patientinnen und Patienten bringen aufgrund ihrer Erkrankung – Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug, Schlafstörungen – bereits eine reduzierte Fähigkeit zur sozialen Teilhabe mit. Ohne gezielte Unterstützung wird die vorhandene Tagesstruktur nicht subjektiv erlebbar.

Was bedeutet das für die Praxis?

Aus meiner Sicht ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Die Essatmosphäre ist kein „Nice-to-have“, sondern ein therapeutischer Faktor, der systematisch gestaltet werden sollte.

Das bedeutet nicht, dass jede Klinik sofort zum Restaurant werden muss. Aber es bedeutet, dass wir die soziale Dimension von Mahlzeiten ernst nehmen sollten – gerade in Settings, in denen Menschen oft über Wochen stationär behandelt werden.

Praktische Ansatzpunkte könnten sein:

  • Bewusste Raumgestaltung: Licht, Akustik, Sitzordnung – kleine Veränderungen mit grosser Wirkung
  • Beteiligung des Personals: Gemeinsames Essen als Gelegenheit für therapeutische Beziehungsgestaltung
  • Partizipation der Patientinnen und Patienten: Mitgestaltung des Menüs, Feedbacksysteme, gemeinsames Kochen
  • Strukturelle Verankerung: Essatmosphäre als Qualitätskriterium in Behandlungskonzepten

In der Jugendpsychiatrie gibt es das Modell des Familientisches, bei dem gemeinsam geschöpft wird. Diese Form gemeinschaftlichen Essens könnte meines Erachtens auch in anderen Bereichen übernommen werden – nicht als Pflicht, aber als bewusstes Angebot.

Offene Fragen

Gleichzeitig bleiben viele Fragen offen:

  • Wie lässt sich die Wirkung von Essatmosphäre methodisch sauber erfassen?
  • Welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede in der Bewertung und Gestaltung von Mahlzeiten?
  • Wie können wir Patientinnen und Patienten einbinden, die sich aktiv zurückziehen wollen?
  • Und: Wie lässt sich ein höherer Personalaufwand in einem ohnehin angespannten System rechtfertigen?

Diese Fragen haben keine einfachen Antworten. Aber sie zu stellen, ist bereits ein Schritt in die richtige Richtung.

Zum Weiterdenken

Essen ist in der Psychiatrie mehr als Nährstoffzufuhr. Es ist ein Moment, in dem Normalität erlebbar wird. Ein Moment, in dem soziale Teilhabe stattfinden kann. Ein Moment, der – wenn er bewusst gestaltet wird – zur Genesung beitragen kann.

Die Forschung deutet darauf hin. Die Praxis bleibt oft dahinter zurück. Aber die Möglichkeit, das zu ändern, liegt in unseren Händen.


Literatur:

Flint, K., Matthews-Rensch, K., Flaws, D., Mudge, A., & Young, A. (2021). Mealtime care and dietary intake in older psychiatric hospital inpatient: A multiple case study. Journal of Advanced Nursing, 77(3), 1490–1500.

McLaren-Hedwards, T., D’cunha, K., Elder-Robinson, E., Smith, C., Jennings, C., Marsh, A., & Young, A. (2022). Effect of communal dining and dining room enhancement interventions on nutritional, clinical and functional outcomes of patients in acute and sub-acute hospital, rehabilitation and aged-care settings: A systematic review. Nutrition and Dietetics, 79(1), 140–168.

Kommentare

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